Seminar: Ethnologie und Literatur

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Nürnberger Chronik, 1493; Quelle: Wikimedia (anklicken zum vergrössern)

Völkerkundemuseum der Universität Zürich

Herbstsemester 2010-2011

Dr. David Signer

PD Dr. Jürg von Ins

Mittwoch 16-18 Uhr

Beschreibung und Deutung in Ethnologie und Literatur

Seminar

Die Vorstellung, der Ethnologe beschreibe erst und deute hinterher, während der Schriftsteller umgekehrt verfahre, ist naiv. Jede Beschreibung ist selektiv, was auf vorgefasste Deutungskriterien zurückweist. Man kann etwa die Errungenschaften des Kolonialismus in den Vordergrund rücken (Kipling, Osterhammel), oder die Blutbäder, die er angerichtet hat (Conrad, Lindqvist). Die Auswahl enthält die Deutung. Eine wichtige Entscheidung ist auch, ob der Autor als erlebendes Subjekt in die Beschreibung einbezogen wird. Als Ethnographen sich noch als Pioniere und Entdecker (Griaule, Deren) verstanden, traten sie gern in Erscheinung in Bild und Text. Spätere Forschergenerationen machten sich für den Leser unsichtbar. Heute treten Ethnographen in ihrem Texten wieder vermehrt in Erscheinung, interessanterweise vielfach in der Rolle von Anti-Helden (Barley, Everett). Das stellt auch literarische Anforderungen an den ethnographischen Bericht.

Wir bitten die Teilnehmenden, vorbereitend zwei Werke aus der Literaturliste zu lesen und uns diese Titel vor Semesterbeginn zu melden auf juergvonins@gmail.com. Die Liste findet sich unter www.juergvonins.ch. Im Rahmen der Veranstaltung werden die ausgewählten Autoren und ihre Werke vorgestellt und auf ihre ethnografische bzw. ethnologische Relevanz befragt.

Folgende Autoren sind bereits besetzt (Status 28.8.2010):

Everett, Chatwin, Stoller, Barley, Cendrars, Malinowski, Gourevitch, Canetti, Dekker, Conrad, Lindqvist, Crapanzano, Thompson, Shostak, Mullins, Maugham, Johnson

Theorie

J. Clifford/G. Marcus 1986: Writing Culture; the poetics and politics of ethnography, Berkeley

James Clifford 1988: Über ethnographische Autorität. In: Trickster 16. München.

Clifford Geertz 1987: Dichte Beschreibung. Bemerkungen zu einer deutenden Theorie von Kultur. In: Dichte Beschreibung. Frankfurt a/M.

Clifford Geertz 1987: „Deep play“: Bemerkungen zum balinesischen Hahnenkampf. In: Dichte Beschreibung. Frankfurt a. M.

H.P. Dürr 1981: Der Wissenschafter und das Irrationale. Frankfurt a/M.

Hubert Fichte 1976: Ketzerische Bemerkungen für eine neue Wissenschaft vom Menschen. In: Petersilie, 1980, Frankfurt a/M.

Martyn Hammersley 1993: Ethnographic writing. In: Social Research Update 5

Jens Clausen 2007: Das Selbst und die Fremde. Über psychische Grenzerfahrungen auf Reisen. Bonn.

Paul Stoller 1992, The taste of ethnographic things, Pennsylvania

Stephen A. Tyler 1991: Das Unaussprechliche. Ethnographie, Diskurs und Rhetorik in der postmodernen Welt. Trickster, München.

Hans-Jürgen Heinrichs 1989: Fenster zur Welt. Positionen der Moderne. Athenäum, Frankfurt am Main.

Jürgen Osterhammel 2009, Die Verwandlung der Welt; eine Geschichte des 19. Jahrhunderts, München

Peter Braun/ Peter J. Bräumlein/ Andrea Lauser: “…Der teilnehmende Leser…
Erkundungen zwischen Ethnologie und Literatur”. In: Kea. Zeitschrift für Kulturwissenschaften. Ausgabe 12/ 1999.
Bremen.

Urs Bitterli 1987: Die Inseln der Südsee oder die verlorene Utopie, in: Utopien, die Möglichkeit des Unmöglichen, Zürich

Vom Reisebericht zum Abenteuerroman

Ca’ da Mosto 1980 (1508): Beschreibung von Westafrika, Göppingen

François-René de Chateaubriand 1969 (1805-1826): Oeuvres romanesques et voyages, tome 1 (Les Natchez, Voyage en Amérique), Paris

K. von Scherzer 1861: Reise der österreichischen Fregatte Novara um die Erde. Wien

Gregory David Roberts 2003: Shantaram, München

Louis Antoine de Bougainville 1966 (1771): Voyage autour du Monde, Paris

Der koloniale Blick und seine Kritik

Joseph Conrad 1992: Das Herz der Finsternis. Zürich.

Sven Lindqvist 2002, Durch das Herz der Finsternis, Zürich

Rudyard Kipling 1899: The white Man’s burden

Ders.1901: Kim, München 2007

Michel Leiris 1985: Phantom Afrika. Frankfurt a/M.

Somerset Maugham 2005: Kurzgeschichten (z.B. „Die Macht der Umstände“ oder „Die Dschungelresidenz“). Zürich

Evelyn Waugh 1986: Schwarzes Unheil. Zürich.

Robert Ruark 1962: Uhuru, a novel of Africa today, New York

Eduard Douwes Dekker (Multatuli) 1948 (1860): Max Havelaar oder die Kaffeeauktionen der Holländischen Handelsgesellschaft, Berlin

Thompson, Harry 2005: This Thing of Darkness. London

Ruanda: Genozid und die Grenze der Darstellbarkeit

Robert Stockhammer: Ruanda. Über einen anderen Genozid schreiben. Frankfurt a. Main. 2005.

Roger Smith 2009: Kap der Finsternis. Stuttgart.

Philip Gourevitch 1999: Wir möchten Ihnen mitteilen, dass wir morgen mit unseren Familien umgebracht werden. Berichte aus Ruanda. Berlin.

Denis Johnson 2006 (2001): In der Hölle. Blicke in den Abgrund der Welt. Berlin.

Der Blick zurück aus Amerika

Harriet Beecher-Stowe 1852: Uncle Tom’s Cabin; Life among the Lowly, Cleveland, Ohio

Maryse Condé 2004: Segu, Frankfurt a/M

Alex Haley 2001: Roots, Frankfurt a/M

Autobiografische Berichte

Elenore Smith Bowen (Laura Bohannan) 1992: Rückkehr zum Lachen. Ein ethnologischer Roman. Reinbek bei Hamburg

Bronislaw Malinowski 1985: Eine Tagebuch im strikten Sinne des Wortes, Frankfurt a/M

Claude Lévi-Strauss 1978: Traurige Tropen. Frankfurt a/M.

Eric de Rosny 1999: Die Augen meiner Ziege. München

Feldforschung als Verunsicherung

Nigel Barley 1989: Die Raupenplage. Von einem, der auszog, Ethnologie zu betreiben. Stuttgart.

Vincent Crapanzano 1983: Tuhami. Portrait eines Marokkaners. Stuttgart

Daniel Everett 2010 (2008), Das glücklichste Volk, München

Im Grenzgebiet zwischen Reportage, Literatur und Ethnografie

Elias Canetti 2009, Die Stimmen von Marrakesch, Frankfurt a/M

Vidiadhar Surajprasad Naipaul 1995: Dunkle Gegenden. Frankfurt a/M

Ryszard Kapuscinski 1999: Afrikanisches Fieber. Erfahrungen aus vierzig Jahren. Frankfurt a/M

Lieve Joris 1998: Mali Blues. Ein afrikanisches Tagebuch. München.

Bruce Chatwin 1990: Traumpfade. *Der Vizekönig von Ouidah. Frankfurt a/M

Michael Oppitz: Erinnerung an Bruce Chatwin, in: Lettre Internationale, Sommer 1989, Berlin.

Michael Gruber 2004: Wendekreis der Nacht. Wien

Marjorie Shostak 1982: Nisa erzählt. Das Leben einer Nomadenfrau in Afrika. Reinbek bei Hamburg

David Signer 2004: Die Ökonomie der Hexerei oder Warum es in Afrika keine Wolkenkratzer gibt. Wuppertal

Matthias Politycki 2005: Herr der Hörner. Hamburg

Paul Bowles 2000: Istikhara, Anaya, Medagan und die Medaganat. In: Gesammelte Erzählungen 1. München

Bartholomäus Grill 2003: Ach Afrika. Berlin

Victor Segalen 1991: Die Ästhetik des Diversen. Versuch über den Exotismus. Frankfurt a. M.

Victor Segalen 1991: Paul Gaugin in seiner letzten Umgebung. Die zwei Gesichter des Arthur Rimbaud. Frankfurt a. M.

J.M.G. Le Clézio 2007: Der Afrikaner. München.

J.M.G. Le Clézio 1993: Onitsha. Köln.

Cees Nooteboom 2000: Notebooms Hotel. Frankfurt a. M.

Al Imfeld 2009: Elefanten in der Sahara. Agrargeschichten aus Afrika. Zürich.

J. M. Coetzee: Schande. Roman. 2003. Frankfurt am Main.

Ethnografie als Weisheitsliteratur

Antonin Artaud 1992: Die Tarahumaras. In: Bernd Mattheus hrsg. Mexiko. München

Jahnheinz Jahn 1986: Muntu, die neoafrikanische Kultur, Köln

Jahnheinz Jahn : Schwarze Genesis, Freiburg i.Br./ Basel 1970

Marcel Griaule 1948: Dieu d’eau; conversations avec Ogotemmeli, Paris ; deutsch von

Marcel Griaule 1991 (1965): Le renard pâle; ethnologie des Dogons, Paris

Michael Harner 2007, Der Weg des Schamanen, Kreuzlingen

Going native’ als ‘going literature’

James Fenimore Cooper 2006 (1757): Der letzte Mohikaner, Zürich

Karl May 1893: Winnetou I-III. Freiburg i.Breisgau. Originaltext: http://www.karl-may-gesellschaft.de/kmg/primlit/reise/gr07/index.htm

Maya Deren 1953: Divine horsemen; the living Gods of Haiti, London/ New York

Hubert Fichte/Leonore Mau 1976: Xango; die afroamerikanischen Religionen, Frankfurt a/M

Blaise Cendrars 1998: Die Prosa von der Transsibirischen Eisenbahn und der kleinen Jehanne von Frankreich. Basel

Meg Mullins 2006, Der Teppichhändler, Berlin

Kolonisierung als Science Fiction-Motiv

H.G. Wells, Krieg der Welten, 1898/ 1974

David Cameron 2007, Avatar; Drehbuch: http://www.foxscreenings.com/media/pdf/JamesCameronAVATAR.pdf

Vgl. Arkadi und Boris Strugatzki 1965, Die Unruhe

Stanislaw Lem, Solaris, Hamburg/ Düsseldorf 1972

Der Untersuchungsgegenstand erhebt die Stimme

Montesquieu 1885 (1721), Persische Briefe, Leipzig

Léopold S. Senghor 1948: Anthologie de la nouvelle poésie nègre et malgache. Précédée de: Jean-Paul Sartre: Orphée noir. Paris

Léopold S. Senghor 1963: Botschaft und Anruf. Sämtliche Gedichte französisch/ deutsch. München

Wole Soyinka hrsg. 1975: Poems of Black Africa, Ibadan

Wole Soyinka 2003: Aké. Zürich

Jahnheinz Jahn hrsg. 1954: Schwarzer Orpheus. Frankfurt a/M

Jürg von Ins 2004 : Tu n’es plus un baobab; Transcription d’une séance de ndëpp, in : Julius Effenberger hrsg., De l’Instinct Théâtral, Paris

Amadou Hampaté Bâ 1993: Jäger des Wortes. München

Ders. 1980 (1957):Vie en enseignement de Tierno Bokar, le sage de Bandiagara, Paris

Ders. 1997 (1994) : Oui mon commandant! In kolonialen Diensten. Wuppertal

Mariama Ba 2002: Ein so langer Brief. Berlin

Chinua Achebe 1983: Okonkwo oder: Das Alte stürzt. Frankfurt a/M.

Ben Okri 1994: Die hungrige Strasse. Köln.

Oh Yeong Jin 2004: Le visiteur du Sud, Poitiers

Europäerinnen in Afrika

Mary Kingsley 1992: Die grünen Mauern meiner Flüsse, Aufzeichnungen aus Westafrika, deutsch von Ulrike Budde, München

Isabelle Eberhardt 2004-2005: Sandmeere 1. Tagwerke; Im heißen Schatten des Islam. Sandmeere 2. Notizen von unterwegs; Vergessenssucher; Islamische Blätter. Hrsg. Christian Bouqueret. Reinbek bei Hamburg

Corinne Hofmann 2000: Die weisse Massai. München

Status 5.9.2010

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