Niemand weiss, wer Peer Gynt wirklich war und ob er überhaupt je gelebt hat. Die einzige schriftliche Quelle, die über seine Person Auskunft gibt, ist Peter Christen Asbjörnsens (1812-1885) Legende „Eine Rentierjagd in Rondane“, veröffentlicht 1845 in der Sammlung „Norske Huldreeventyr og Folkesagn“. Schon hier erscheint Peer Gynt (wie in Henrik Ibsens Drama, uraufgeführt 1876) als Prahler. Aber er steht auch mit den Trollen und mit unsichtbaren Wesen in besonderer Beziehung. Schon vor der Verschriftlichung der Überlieferung dürfte auch dies als Schwindel gedeutet worden sein. Als Vorlage diente der Sage angeblich ein Jäger aus dem Gudbrandsdal, der in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts gelebt hat. Das Gudbrandsdal liegt nördlich von Jotunheimen, wo die Riesen wohnen, wie man sagt.
Der Name Gynt kommt vom Verb gyne, deutsch gucken, luege, englisch squint (angucken, adjektivisch schielend, schief, schräg). Meist sind Verben älter als korrelierte Adjektive, da diese vielfach aus dem Partizip entstehen (vgl. z.B. die Entwicklung von ‚Ich habe gestört’ zu ‚Ich bin gestört’).
Peer Gynt war ein Seher. Als Vorlage bietet sich ein Schamane der indigenen nordischen Bevölkerung, der Sami an, die im 18. und 19. Jahrhundert missioniert, nordwärts getrieben, gründlich gestört und erniedrigt wurden. Ihre Weltsicht der Lächerlichkeit preiszugeben war Programm. Ihre Siedlungsgebiete wurden gewissermassen zu Kolonien, das heisst zu Freiräumen wirtschaftlicher Ausbeutung. Bis in die 1960er Jahre war es in etlichen nordischen Staaten verboten, an Schulen die Sprachen der Sami zu sprechen. Viele Sami-Traditionen sind in Vergessenheit geraten. Die Darstellung samischen Wissens als Prahlerei, Lug und Trug kam als Rechtfertigung wie gerufen. Ethnische Vielfalt stand nicht zuletzt der Gründung des Nationalstaats im Weg. Erst 1905 befreite sich Norwegen von der schwedischen Fremdherrschaft. Namentlich nährte die Erinnerung an die Wikingerkönige den keimenden Nationalismus. Die Sami passten nicht ins Konzept.
Ich schreibe eine Drama-Trilogie über Peer Gynt als Schamanen. Die dreiteilige Struktur bildet diejenige einer Initiation ab. Im ersten Teil (Der Weg des blinden Schamanen) geht Peer noch kaum bewusst mit seinen Kräften um, doch überwindet er seinen Stolz und lockert seine Beziehungen zur Welt. Im zweiten Teil (Peer Gynt im Totenreich) wird er zum Schamanen ausgebildet. Und im dritten Teil (Der Kampf der Schamanen) praktiziert er im postmodernen Umfeld, das zur Zeit als Realität gilt.
Die Konstruktion von Realität vollzieht sich immer ganz wesentlich durch Schmähung abweichender Sichtweisen. Später freilich kann sich das Verschmähte zur Verheissung wandeln – schamanisches Sehen und Wissen zum Heilmittel gegen den Stolz auf die Fahne und die materialistische Verblödung, die den Menschen der Angst vor dem Tod überlässt und den Planeten samt allem Leben blindwütig zu Grunde richtet.
Es müssten nicht die Sami, es müsste auch nicht Peer Gynt sein. Namen, Zeiten und Orte sind austauschbar. Aber Alle, die pauschal der Lüge, des Irrtums und der Vorspiegelung falscher Realitäten bezichtigt werden, verdienen die Aufmerksamkeit Derer, die ernstlich nach der Wahrheit über sich und die Welt suchen.
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Die Fassung von Henrik Ibsen bei Projekt Gutenberg/Spiegel Online
Peer Gynt bei Wikipedia
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